Vergangenheit verschweigen
Macht und die Produktion von Geschichte
- Buch
- Trouillot, Michel-Rolph
- Alexander, 2025. - 290 Seiten
„Wie schreibt man eine Geschichte des Unmöglichen?“ Mit „Vergangenheit verschweigen“ liegt 30 Jahre nach der Erstveröffentlichung die deutsche Übersetzung des Klassikers „Silencing the past“ vor, in dem der haitianische Anthropologe und Historiker Michel-Rolph Trouillot sich mit der Produktion von Geschichte und ihrem Verhältnis zu Macht auseinandersetzt. Dabei steht ein konkretes historisches „Ereignis“ im Mittelpunkt von Trouillots Ausführungen: Undenkbar schien die Haitianische Revolution (1791-1804) in der westlichen Welt, stellte der Aufstand versklavter Menschen doch hierarchische Vorstellungen von „Rasse“, Arbeitsteilung und einer globalen Ordnung aus (imperialistischen) Zentren und Peripherien grundlegend infrage. Auch nach der Unabhängigkeit Saint Domingues bzw. der Gründung des Staates Haiti wurde die Revolution in der hegemonialen Geschichtsschreibung marginalisiert, geleugnet oder als bedeutungslos banalisiert: „Die Revolution, die zunächst undenkbar war, wurde zu einem Nicht-Ereignis.“ Trouillot führt diesen Prozess auf ungleiche Machtverhältnisse in der Wissensproduktion (etwa von Narrativen, Archiven oder Quellen) zurück, zudem habe die Vernachlässigung von Kolonialismus, Rassismus und Sklaverei in der westlichen Historiografie bis heute System. In der Folge führt er theoretische Überlegungen zu Geschichte bzw. Geschichtlichkeit aus, die für ein postkoloniales und emanzipatorisches Verständnis von besonderer Bedeutung sind: So akzentuiert der Autor konsequent die Ambiguität von „Geschichte“ als Begrifflichkeit, die sowohl das Substrat von „Fakten“ als auch den soziohistorischen Prozess der Erzählung ebenjener umfasse. Zudem würde Geschichte jeweils in einem spezifischen historischen Kontext produziert, historische Akteure seien somit immer auch „Geschichten-Erzähler und vice versa“. Indem er den Fokus auf die untrennbare Verwobenheit von historischem Ereignis und historischer Erzählung als auch deren Materialität legt, verortet Trouillot seinen Ansatz jenseits einer gängigen Dichotomie von Positivismus und Konstruktivismus. Anhand der Beispiele der Haitianischen Revolution, der „Entdeckung“ Amerikas oder einem geplanten Disney-Erlebnispark zum US-amerikanischen Bürgerkrieg (und der Sklaverei) spürt Trouillot Manifestationen von Macht hinterher, die sich in die Geschichtsproduktion eingeschrieben haben. Dabei interessiert er sich für unterschiedliche Variationen von narrativen Auslassungen und zeigt auf, wie „Verschweigungen“ in unterschiedlichen Momenten in den Prozess der Geschichtsproduktion einwirken: „(…) im Moment der Schaffung von Fakten (der Herstellung von Quellen), im Moment der Sammlung von Fakten (der Herstellung von Archiven), im Moment des Abrufens von Fakten (der Herstellung von Narrativen) und im Moment der retrospektiven Bedeutung (der Herstellung von Geschichte in ihrer letztgültigen Form).“ Dieser Heterogenität entsprechend müssten Strategien und Interventionen zur Demaskierung solcher Leerstellen verschiedenartig ansetzen: „Jedes historische Narrativ ist ein besonderes Bündel von Verschweigungen, das Resultat eines einzigartigen Prozesses, und darum müssen die Operationen, die zur Dekonstruktion dieser Episoden von Schweigen notwendig sind, entsprechend variieren.“
Trotz theoretischem Tiefgang und dichter Sprache sind Trouillots Analysen anschaulich, theoretische Reflexionen bleiben durch die gewählten historischen Beispiele stets greifbar. Die nun vorliegende deutsche Übersetzung überzeugt dabei durch Präzision und macht Trouillots einflussreiches Werk einem breiteren Publikum zugänglich, ohne an begrifflicher Schärfe einzubüßen. In konsequent herrschaftskritischer und emanzipatorischer Stoßrichtung legt Trouillot dar, wie hegemonial kolonialrassistische Denkmuster in unseren Erzählungen verwurzelt sind und erinnert mit Nachdruck daran, „den grundlegend prozessualen Charakter der Produktion von Geschichte hervorzuheben und darauf zu beharren, dass es weniger darauf ankommt, was Geschichte ist ,als darauf, wie sie funktioniert, dass die Macht selbst im Tandem mit der Geschichte wirkt (…).“ Damit liefert Trouillot nicht nur unverzichtbare Impulse für postkoloniale Theorien, die Caribbean Studies oder Auseinandersetzungen mit epistemischer Gewalt, sondern bietet allen historisch Arbeitenden ein „Instrument der Emanzipation“, um die eigene Disziplin kritisch zu hinterfragen und „Verschweigungen“ der Geschichte hör- wie sichtbar zu machen.