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Ökonomie der Angst


Die Rückkehr des nervösen Zeitalters

Cover des Buches
  • Buch
  • Rathkolb, Oliver
  • Molden, 2025. - 303 Seiten

Bei den ersten Überlegungen zu diesem Band vor etwa 15 Jahren hätte er nicht mit der irrationalen Entwicklung der Weltpolitik gerechnet, leitet Oliver Rathkolb „Ökonomie der Angst“ ein. Seitdem hätte sich Russland unter Putin endgültig zur brutalen Diktatur gewandelt, China einen hochtechnologisierten Überwachungsstaat etabliert und die USA einen Abschied von der liberalen Demokratie eingeläutet. Gleichzeitig würden Formationen der Rechtsstaatlichkeit sukzessive unterlaufen, traditionelle Medien befänden sich in der Krise und empirische Erkenntnisse würden bewusst geleugnet bis bekämpft. In vielen dieser Dynamiken erkennt der vielfach ausgezeichnete Zeithistoriker Parallelen zur unmittelbaren Vorkriegszeit der Belle Époque: „Die politische und ökonomische Bühne ist heute ebenso wie vor 1914 extrem unsicher, kaum kontrollierbar und in Bewegung. (…) Tiefgreifende technologische Innovationen und deren rasche Umsetzung in völlig neuartigen industriellen Produktionsweisen sowie wesentlich schnellere Transport- und Vertriebsmöglichkeiten, verbunden mit globaler Ressourcen-Ausbeutung, führten und führen zu gravierenden persönlichen, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Veränderungen. Diese rasante Transformation überforderte die jeweiligen nationalen Gesellschaften und ihre politischen Eliten bereits in der Vergangenheit, selbst wenn heute das Gefühl vorherrscht, dass die Menschheit zum ersten Mal von derartig radikalen Veränderungen betroffen ist.“ Ähnlich wie vor 1914 seien Angst und Überforderung zentrale gesellschaftliche Gefühlszustände, mit denen Menschen auf tiefgreifende und dynamische Verwerfungen der nunmehr „Zweiten Turboglobalisierung“ (entlang von Digitalisierung und Deregulierung seit den 1980er-Jahren) reagieren würde. Mit Verweis auf den deutschen Historiker Joachim Radkau erkennt Rathkolb in dieser Stimmung die Rückkehr des „nervösen Zeitalters“ und stellt nüchtern fest, dass Prognosen eines endgültigen Siegeszugs der liberalen Demokratie nach Erosion der bipolaren Weltordnung (wie etwa Francis Fukuyamas „Ende der Geschichte“) fehlgelegen seien. Diese Ausgangsthese führt Rathkolb im weiteren Verlauf von „Ökonomie der Angst“ zur Gegenüberstellung der Tech-Milliardäre mit den kapitalistischen „Robber Barons“ des späten 19. Jahrhunderts, lässt ihn Aufstieg von Avantgarde und Moderne während der Turboglobalisierung als „Gleichzeitigkeit der Extreme“ fassen und leitet ihn zur Frage nach Triggerpunkten der „nervösen Zeitalter“.

Somit schreibt Rathkolbs Band weitaus mehr als die komparative Geschichte bewegter Zeiten, sondern entwirft eine anschauliche politische Ökonomie mit Analysen gegenwärtiger Krisendynamiken und der kritischen Diskussion möglicher Zukunftsentwicklungen. Auch die Zunahme hybrider Konflikte und Gewaltausbrüche sei dabei realistisch, die Wiederholung irrationaler Kriegstreiberei bis zur Eskalation in einem Weltkrieg 1914 sei jedoch aktuell eher nicht zu erwarten, hält Rathkolb fest. Anstelle von Untergangsszenarien skizziert der Zeithistoriker lieber Handlungsoptionen Europas: Im Konzert der Mächtigen auf der Bühne der Weltpolitik spiele Europa nur eine nachgeordnete Rolle und müsse sich daher auf seine Stärken besinnen: „Die EU kann zwar bis heute nicht geopolitisch effizient agieren, aber vielleicht gelingt es eines Tages, die Wirtschaftspolitik, die einzige Waffe der EU, zur Durchsetzung des europäischen Friedenstraums einzusetzen.“ Solcherart könne etwa eine werteorientierte Außenpolitik betrieben werden, wobei die geopolitische Zukunft der EU eindeutig mit Partnern im Globalen Süden zu bestimmen sei. In der entschlossenen Reaktion auf den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine erkennt Rathkolb das stärkste Zeichen einer handlungsfähigen Union – warnt zugleich aber vor russischen Desinformationskampagnen und dem Aufstieg autoritärer Populist_innen auf dem ganzen Kontinent, welche ein geeintes Europa destabilisieren. Insgesamt zieht „Ökonomie der Angst“ wichtige Lehren aus der jüngeren Geschichte und bietet kluge Diagnosen in unübersichtlichen Zeiten an – oder anders gesagt: die angenehm sachliche Vermittlung irrationaler Entwicklungen.