Direkt zum Inhalt wechseln

Kultureller Rassismus und die Krise der weißen Identität


Ein dekolonialer Weg

Cover des Buches
  • Buch
  • Alcoff, Linda Martín
  • Suhrkamp, 2025. - 378 Seiten

Die Philosophin Linda Martín Alcoff leitet ihren Band „Kultureller Rassismus und die Krise der weißen Identität“ mit einer persönlichen Genealogie ein: Als in den USA aufgewachsene Tochter einer ausgewanderten Irin und eines panamaischen Vaters mit Vorfahr_innen in Spanien und Nordafrika reflektiere ihre Biografie zahlreiche Verwerfungen kolonialer Herrschaft, darunter Migration und Vertreibung, Ausbeutung und Marginalisierung. Dabei seien solche „transnationalen und ethnienübergreifenden familiären Gebilde“ in Lateinamerika längst die Norm, während sich diese nun auch in Gesellschaften des Globalen Nordens einschreiben und zunehmend stärker beachtet würden. Etablierte theoretische und philosophische Diskurse zu solchen biografischen Konstellationen und ihrem kolonialen Erbe etwa aus Lateinamerika fänden aber nach wie vor kaum Berücksichtigung in den ehemaligen Kolonialmächten: „Der Gedanke, dass reiche Länder von »unterentwickelten« Regionen oder »rückständigen« Kulturen etwas lernen könnten, ist nach wie vor ein Anathema.

Der vorliegende Band verdankt seine Entstehung einer Einladung Alcoffs als Gastvortragende an die Goethe-Universität Frankfurt/Main im Jahr 2022. Im Rahmen der Adorno-Vorlesungen hielt sie unter dem Titel „Race, Culture, History“ drei Vorträge zur historischen Formation von Rassismen, deren sozialer Rekonstruktion, „rassenbezogenen“ Identitäten und Transformationsansprüchen der Gegenwart. Dabei würdigt sie zunächst den Beitrag der Frankfurter Schule und der Tradition kritischer Theorie, Kultur als wichtiges Element kapitalistischer Reproduktion zu betonen. Dadurch wurde ein erweitertes Verständnis des Kapitalismus erst möglich, das über ökonomistische Fragen hinaus auch gesellschaftliche Machtverhältnisse wie den Kolonialismus in den Blick nahm: „Diese Tradition hat es vielen von uns erst ermöglicht, misogyne Kulturen und rassistisches Gedankengut mit den Mechanismen des Kapitalismus in Verbindung zu bringen. Die Themen Sexismus und Rassismus wurden nicht länger strikt dem Überbau zugeschlagen; man fing an, sie theoretisch als Grundzug der sozialen Reproduktion der modernen kapitalistischen Produktionsverhältnisse zu erfassen.“ Entsprechend vertritt Alcoff in „Kultureller Rassismus und die Krise der weißen Identität“ die Ansicht, „dass »Rasse« beziehungsweise Race und Rassismus alles andere als randständige Fragen sind, die lediglich die Gleichheit der Bürger:innen betreffen, sondern fundamentale Hinsichten gegenwärtiger sozialer und ökonomischer Organisationsformen darstellen.“ Ohne Berücksichtigung des Kolonialismus, der nach wie vor die Welt materiell als auch ideologisch und praktisch strukturiere, sei eine Analyse von Armut, Ungleichheit und Machtverhältnissen nicht möglich.

Alcoffs Argumentation folgt dem Aufbau der Adorno-Vorlesungen und ist daher in drei separate, aber zusammenhängende Abschnitte gegliedert. Im ersten Abschnitt befasst sich die Philosophin mit der Differenzkategorie „Race“ und streicht die sozialkonstruktivistische Wesensart des Begriffs hervor, den nicht nur Eliten hervorgebracht und gefördert, sondern breite Massen der Bevölkerung reproduziert und ausgeformt hätten. Insofern betont Alcoff die Historizität rassenbezogener Identitäten und sieht nicht politischen Kurswechsel, sondern eine Transformation des kollektiven Gedächtnisses als notwendige Voraussetzung einer Überwindung rassistischen Gedankenguts an: „Die Würdigung der Handlungsmacht von Nichteliten gewährt uns einen Blick sowohl auf die positiven und negativen historischen Ereignisse, die Menschen vor Ort in die Wege geleitet haben, als auch auf die Möglichkeiten zukünftigen Handelns.“ Im zweiten beschäftigt sich Alcoff mit kulturellem Rassismus, diskutiert das Theorieangebot des antikolonialen Widerstands (bspw. Frantz Fanons) und analysiert, wie kultureller Rassismus heute zur Legitimation globaler Ungleichheiten fortgeschrieben wird. Im dritten und letzten Abschnitt widmet sich die Autorin der „Krise der weißen Identität“, die sich etwa in Angriffen auf antirassistische Initiativen, die Abwehr einer Aufarbeitung kolonialer Strukturen oder rechtsextremer Theorien eines „Großen Austausches“ äußern und Alcoff zufolge in eine „narrative Krise“ (nationalstaatlicher Gründungsmythen)  und eine Legitimationskrise getrennt werden können. Dabei bietet Alcoff Handlungsoptionen und progressive Potenziale an, die sie wiederholt mit historischen Beispielen illustriert, um gesellschaftliche Wahlmöglichkeiten und Gestaltbarkeit zu akzentuieren.

Insgesamt ist „Kultureller Rassismus und die Krise der weißen Identität“ eine herausfordernde und bereichernde Einladung zur Auseinandersetzung mit der Allgegenwart des Kolonialismus und mit diesem in Zusammenhang stehender Machtverhältnisse. Sprach- und herrschaftskritisch formuliert Linda Martín Alcoff damit einen Interpretationsrahmen für rassifizierte Identitäten als auch zum Verständnis gesellschaftlicher Handlungsmacht.