Kapitalismus
Geschichte einer Weltrevolution
- Buch
- Beckert, Sven
- Rowohlt, 2025. - 1280 Seiten
Die Welt, in der wir heute alle leben, wurde zu großen Teilen vom Kapitalismus geschaffen: Er bestimmt unsere Arbeitsweise, greift in unsere sozialen Beziehungen ein, hat ein zuvor gänzlich unerreichtes Konsumniveau etabliert, vernetzt uns mit Menschen in allen Erdteilen und schreibt sich selbst in die Landschaft ein. Wirtschaftswachstum und stetige technologische Sprünge seien zur Gewohnheit geworden, sodass Eltern heute sicher sein könnten, dass ihre Kinder in einer wesentlich veränderten Welt aufwachsen würden als sie selbst – ein Novum in der Geschichte der Menschheit, konstatiert Sven Beckert. Aufgrund dieser Allgegenwärtigkeit erkennt der deutsch-US-amerikanische Historiker im Kapitalismus ein „Hyperobjekt“ nach Timothy Morton, das massiven Einfluss auf unser Leben habe und dessen Dimensionen gleichzeitig die menschliche Vorstellungskraft überstiegen. So selbstverständlich sei der Kapitalismus, dass er geradezu natürlich scheine – dabei sei er eigentlich eine vergleichsweise sehr junge Formation und noch dazu vollkommen von Menschen hervorgebracht. Wer nicht gerade in Florenz, Guangzhou oder Kairo lebe, hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit seinen Lebensmittelpunkt an einem Ort, den der Kapitalismus erst vor Kurzem durchdrungen habe: „Wenn Sie außerhalb der kapitalistischen Kerngebiete wohnen, insbesondere auf dem Land, ist die kapitalistische Revolution bei Ihnen vielleicht erst so jung wie das Jahrtausend, in dem wir gerade leben. Der Kapitalismus ist ein neues Phänomen, und die längste Zeit seiner Logik nur an wenigen Orten auf der Welt anzutreffen.“
Beckert zeichnet in „Kapitalismus“ daher die „Geschichte einer Weltrevolution“ aus einer globalen Perspektive nach. Dieses Unterfangen bearbeitet der Historiker jedoch auch „aus einer lokalen Warte“, um die Genese verschiedener kapitalistischer Strukturen und das Arrangement des Kapitalismus mit unterschiedlichsten kulturellen bzw. sozialen Systemen und politischen Machtverhältnissen zu erklären: „Die Familienbeziehungen in den ländlichen Gebieten Englands tragen bei zur Erklärung der Mobilisierung von Arbeitskräften in den frühen Fabriken, die Sozialstruktur der indischen Landwirtschaft stand im Zusammenhang mit der Ausbreitung der Plantagensklaverei in Amerika, und die Geografie der Insel La Réunion hilft beim Verständnis der Besonderheiten der Arbeitsregime im französischen Kolonialreich nach der Abschaffung der Sklaverei.“ Solcherart zeigt Beckert auf, wie der Kapitalismus nicht an einem einzigen Ort, sondern nach und nach durch Verbindungen zwischen kapitalistischen Inseln entstand. Diese Entwicklung vollzog sich in einem nicht-linearen, konflikthaften Prozess mit Rückschlägen und Sprüngen, mit einem hohen Maß an Gewalt und Zwang sowie durch An- bzw. Enteignung von Land, Arbeit und Wissen. Seine Globalgeschichte strukturiert er dabei periodisch in vier große Abschnitte, wobei er erste kapitalistische Formationen schon vor etwa 1000 Jahren berücksichtigt. Im Wesentlichen setzt Beckert den Beginn der kapitalistischen Revolution jedoch um 1500 an, womit „Kapitalismus“ vor allem die Neuzeit umfasst und zunächst die Intensivierung von weltweitem Handel, Landwirtschaft und Produktion ins Auge nimmt. Anschließend finden Innovationen, Transformationen und Spannungsverhältnisse rund um die Industrielle Revolution und die Herausbildung einer kapitalistischen Zivilisation Berücksichtigung. Im dritten Teil widmet sich Beckert einer globalen „Neuordnung“ von Arbeit, Kapital und Staat – nicht zuletzt in Reaktion auf Unruhen in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Im vierten und letzten Teil steht vor allem die Krisenhaftigkeit des (rekonstruierten) Kapitalismus ab 1970 bis zur Finanzkrise 2008 im Vordergrund, behandelt werden neoliberale Regime, Freihandel und Ungleichheitsverhältnisse. In einem Epilog diskutiert Beckert abschließend Szenarien eines ebenso unvermeidlichen wie schwer zu prognostizierenden Ende des Kapitalismus – denkbar sei etwa, dass sich analog zur Genese des Kapitalismus nach und nach nicht-kapitalistische Inseln verbinden würden.
Insgesamt spannt „Kapitalismus“ eine breites Panorama der letzten Jahrhunderte auf, in denen sich fundamentale Verwerfungen in globaler Koproduktion manifestieren. Dabei ist dem Autor nicht an einer Bewertung des „janusköpfigen sozioökonomischen Systems“ gelegen, sondern an der historischen Analyse der damit einhergehenden Entwicklungen in globalem Maßstab. Beckerts anschauliche Ausführungen, die konkrete Verortung seiner Beispiele und differenzierte Überlegungen machen „Kapitalismus“ zur bereichernden Lektüre nicht nur für globalgeschichtlich Interessierte, sondern etwa auch für Angehörige der Entwicklungsforschung, der Politischen Ökonomie oder der Soziologie. So tiefgreifend die Spuren auch sein mögen, die der Kapitalismus auf diesem Planeten in kurzer Zeit hinterlassen hat, macht Beckert doch wiederholt klar, dass dieser im diachronen Vergleich der Dauer einer Supernova ähnele – und nicht zuletzt menschengemacht, also auch gestalt- und beendbar sei.