Die Multipolarisierung der Welt
Ein geopolitischer Wegweiser
- Buch
- Perthes, Volker
- Suhrkamp, 2026. - 351 Seiten
„The only certainty is more uncertainty”, zitiert Volker Perthes eingangs den Generalsekretär der Vereinten Nationen António Guterres. Als Umbruch, neue Welt(un)ordnung oder – speziell im deutschen Kontext – als Zeitenwende würden jene komplexen Entwicklungen und Dynamiken paraphrasiert, die im Feld der internationalen Beziehungen seit etwa zwei Jahrzehnten stetig deutlicher zutage treten: Neue Kriege, hybride Akteure, die Rückkehr geopolitischer Großmachtfantasien, der Aufstieg ehemaliger Schwellenländer zu globalen Mächten, Angriffe auf liberale Demokratien, die Erosion multilateraler Architekturen oder widersprüchliche Allianzen sind ebenso kennzeichnende wie unscharfe Merkmale der internationalen Ordnung. Volker Perthes, deutscher Politikwissenschaftler und u.a. ehemaliger Sondergesandter der Vereinten Nationen für den Sudan, bringt im vorliegenden Band mit wohltuend differenzierten Perspektiven und klarem analytischen Werkzeug Licht in die schwer durchschaubare Gemengelage. Er wählt den geläufigen Begriff der Multipolarität als Fokuspunkt und verleiht diesem inhaltliche Schärfe. Die multipolare Ordnung sei „Ergebnis einer Diffusion von Macht im internationalen System“, wonach selbst die beiden Weltmächte China und die USA keine Hegemonie ausüben könnten und andere Großmächte in bestimmten Handlungsbereichen „Polpositionen“ einnähmen. „Macht“ bleibe dabei weiterhin die zentrale Kategorie der internationalen Beziehungen und Staaten zumindest vorläufig deren wichtigste Akteure, die Machtdiffusion auf internationaler Ebene manifestiere sich jedoch deutlich in der Bedeutungszunahme nichtstaatlicher Akteure wie NGOs, internationaler Organisationen, Technologiekonzernen oder Terrorgruppen. Zu beobachten sei somit die Herausbildung eines multipolaren Systems mit vier bis fünf Polen, das aber auf vielen weiteren Ebene polarisiere bzw. Pole ausbilde und auch mittleren Mächten eine Vielzahl an Handlungsoptionen ermögliche: „In dieser multipolaren Ordnung gibt es keinen Hegemon, jedenfalls nicht für das ganze System. Es gibt keine stabilen Kräftegleichgewichte, weniger feste Allianzen als in einem bipolaren System, viele transaktionale, oft temporäre Zweckbündnisse, aber eben auch multiple regionale Polarisierungen und Konkurrenzen, Machtbeziehungen also, die nicht unbedingt verbindlichen Regeln unterliegen.“
Perthes gliedert seinen „geopolitischen Wegweiser“ dabei in zwei Abschnitte: Im ersten Abschnitt befasst sich der Autor mit fünf globalen Mächten und diskutiert deren Rolle in der internationalen Ordnung mit ausgeprägtem Bewusstsein für Abstufungen von Macht und historische Verläufe. So akzentuiert er den Vertrauensverlust der internationalen Gemeinschaft gegenüber den USA in einer postamerikanischen Ordnung und befasst sich mit dem Aufstieg der Volksrepublik China, die ihm zufolge in großen Bereichen eher an „Einfluss“ (denn an „Macht“) interessiert sei und sich dem Globalen Süden als starker Partner mit ebenso vagen wie anschlussfähigen weltpolitischen Visionen anbiete. Anschließend erläutert der Politikwissenschaftler Russlands Revanchismus im „nahen Ausland“ und die multipolaren Ambitionen der ehemaligen Großmacht, bevor er den Aufstieg Indiens und dessen stabilisierende Rolle im internationalen System diskutiert. Abschließend akzentuiert Perthes die Europäische Union unter dem Titel „Globaler Pol, unvollständige Weltmacht“ als Sonderform in mehrerlei Hinsicht und skizziert mögliche Handlungsoptionen der Union im vielstimmigen Konzert der gegenwärtigen Weltordnung: Neben möglichen Reformen der vergemeinschafteten Außen- und Sicherheitspolitik sei vor allem die Legitimität bzw. Glaubwürdigkeit nach innen wie außen zu stärken, um Partner im Globalen Süden für eine werte- und regelorientierte Weltordnung zu schaffen. Gleichzeitig müsse sich Europa daran gewöhnen, „dass andere internationale Akteure neue multipolare Konstellationen eher als Chance denn als Risko betrachten und sehr viel eher bereit sind, Interessenkoalitionen unabhängig von Wertorientierungen und Weltordnungsfragen einzugehen.“ Im zweiten Abschnitt verdeutlicht Perthes die Machtdiffusion im internationalen System und zeigt, wie sich Machtgleichgewichte nicht nur zwischen den fünf genannten Polen verschieben, sondern auch regional polarisieren. In diesem Zusammenhang verweist Perthes vor allem auf die Bedeutungszunahme neuer „Mittelmächte“ (etwa der BRICS-Staaten) und verdeutlicht deren höchst unterschiedliche Positionierungen anhand der beiden Beispiele Brasilien und Türkei: Wiewohl beide Akteure Kernthemen des Globalen Südens und aufstrebender Volkswirtschaften adressierten, vertrete der lateinamerikanische Staat seine Interessen als demokratischer und verlässlicher „Weltbürger“ auf der Weltbühne, während die Türkei als „ausgesprochen machtbewusster, geopolitischer Akteur“ agiere und seine Brückenfunktion ambivalent nutze. Die türkische Machtpolitik bietet dem Autor eine Überleitung zu den eigentlichen Hauptteilen des zweiten Abschnitts, in denen er sich mit regionalen Machtdynamiken und zunächst mit dem „Nahen“ bzw. „Mittleren Osten“ (als semantisch bereits geopolitisch aufgeladene Begrifflichkeiten) auseinandersetzt. Angesichts der Abwesenheit einer hegemonialen Regionalmacht bzw. robuster Sicherheitsarrangements sei von den wesentlichen Akteuren die weitere Aufrüstung der eigenen Abschreckungskapazitäten sowie die strategische Einbindung von globalen Mächten als Sicherheitsgaranten zu erwarten. Anschließend widmet sich Perthes dem afrikanischen Kontinent, der gleichzeitig Gegenstand des Interesses externer Mächte sei, als sich auch zunehmend selbst behaupten könne. In einer verstärkten regionalen Integration erkennt Perthes die aussichtsreichsten Perspektiven, um Wohlstand zu generieren und den afrikanischen Interessen in multipolaren Konstellationen Gehör zu verschaffen. Entscheidend sei neben der Bereitschaft zur nachhaltigen Ausfinanzierung der Afrikanischen Union durch die Mitgliedsstaaten auch ein Verzicht auf Gewalt bei der Einhegung bilateraler Konflikte. Wie dies gelingen könne, illustriert der dritte regional orientierte Teil zu Südostasien: Im indopazifischen Raum habe die Association of Southeast Asian Nations (ASEAN) an einer geopolitisch höchst sensiblen Schnittstelle eine robuste Sicherheitsarchitektur geschaffen, in der eine regelgebundene Ordnung durch Inklusion und Balance der unterschiedlichen Interessen gewährleistet sei und Konflikte friedlich beigelegt würden. Insgesamt vermittelt „Multipolarisierung der Welt“ auf fundierte Weise die Veränderungen und Verwerfungen einer multipolaren Weltordnung. Deutlich ist Perthes daran gelegen, mit dem Begriff der „Multipolarisierung“ die Prozesshaftigkeit zu betonen, mit der auch die Gestaltbarkeit dynamischer und keineswegs abgeschlossener Entwicklungen einhergeht. Gleichzeitig resümiert der Autor, dass die multipolaren Entwicklungen tendenziell vor allem stärkeren Mächten zugutekämen und „insgesamt komplexere und fluidere Beziehungen und Hierarchien“ schüfen. Deutschland und Europa empfiehlt Perthes dabei eine ausgewogene strategische Ausrichtung, in der zwar auch die Stärkung der eigenen Autonomie von Bedeutung sei, aber vor allem glaubwürdige wie faire Partnerschaften (zentral mit dem Globalen Süden) und multilaterale Zusammenarbeit (vor allem innerhalb der Architektur der Vereinten Nationen) entscheidend seien: „Europa als globaler Pol wird zusätzliche Anziehungskraft und mehr gestalterischen Einfluss gewinnen, wenn Partner und Herausforderer erkennen, dass es sich selbst behaupten, seine Bürgerinnen und Bürger schützen, Schocks und Ungewissheiten aushalten und zur Verteidigung der gemeinsamen Ordnung beitragen kann. Recht ohne Macht bleibt im nationalen wie im internationalen Rahmen schwach. Aber Macht ohne Recht schafft Tyrannei.“