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„Brüder, zur Sonne“?


Entwicklung, Dekolonisierung und sozialistische Solidarität in den österreichischen 1960ern

Cover des Buches
  • Buch
  • Eric Burton et al. (Hrsg.)
  • 2025, V & R Unipress. - 111 Seiten

Die Zeitschrift zeitgeschichte erscheint seit über 50 Jahren vierteljährlich und gehört weltweit zum Kanon historischer Fachzeitschriften. Das aktuell vorliegende Heft legt den Schwerpunkt auf die österreichische Zeitgeschichte der späten 1950er- und 1960er-Jahre aus entwicklungspolitischer und postkolonialer Perspektive. Wesentliche Bezugspunkte inter- und transnationaler Politiken Österreichs seien in diesen Jahren fundamentale globale Umbrüche wie der Kalte Krieg, Dekolonisierung und Befreiungskämpfe im Globalen Süden, neue zivilgesellschaftliche Bewegungen sowie die Herausbildung eines neuen Politikfeldes gewesen – der Entwicklungspolitik. Diese brachte auch in Österreich neue Institutionen, staatsnahe Einrichtungen sowie kirchlich geprägte NGOs hervor und agierte teils in einem Spannungsfeld mit aktivistischen Akteur_innen. Der Band untersucht, wie sich Akteur_innen aus dem sozialdemokratischen Umfeld in diesen neuen transnationalen Beziehungsmustern positionierten, welche Gesellschaftsentwürfe sie transportierten und wo Widersprüche sichtbar wurden. So verweist das titelgebende Zitat aus sozialistischem Liedgut einerseits auf internationale Solidaritätsansprüche der Arbeiter_innenbewegung, andererseits kritisch auf deren männlich dominierte Strukturen, welche Frauen* und nicht-heteronormativen Personen kaum Handlungsmacht zugestanden.
Die drei Hauptbeiträge des Schwerpunktheftes widmen sich der Thematik in Fallstudien, wobei der erste Beitrag die Gründung des „Wiener Instituts für Entwicklungsfragen“ (1964-1986, Rechtsnachfolgerin ist das heutige VIDC) als „Produkt eines transnationalen sozialdemokratischen Nord-Süd-Netzwerks“ unter Ägide von Bruno Kreisky nachzeichnet. Dabei arbeitet die Verfasserin Lucile Dreidemy auch die Diskrepanzen zwischen postulierter „Augenhöhe“ sowie paternalistischen Mustern der Praxis heraus und skizziert die Arbeit der Institutsmitarbeiter_innen als Balanceakt „zwischen ihren Idealen internationalistischer Solidarität und dem Pragmatismus der sozialdemokratischen Nord-Süd-Politik“.
Hanna Hacker untersucht anschließend, wie sich in der Skandalisierung eines Vorfalls in einem Ausbildungsprojekt der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit rassistische Denkmuster, Afrika-Fantasma, und gesellschaftliche Verhältnisse von Gewalt und Geschlecht als auch eurozentrische Vorstellungen von „Entwicklung“ manifestierten, fragt aber auch danach, welche Bedeutung diese Episode für die „Konfiguration Schwarzer Präsenz(en) in Österreich“ hatte.
Im dritten Beitrag befassen sich Katharina Föger und Eric Burton mit Artikulationen, Konjunkturen und Widersprüchen internationaler Solidarität in gewerkschaftlichen Publikationen im Zeitraum 1953-1968. Konkret werden die drei Periodika „Solidarität“, „Der jugendliche Arbeiter“ (später „Hallo“) und „Arbeit & Wirtschaft“ herangezogen, um beispielhaft Bezugnahmen auf Kolonialismus, Rassismus und Entwicklung in der frühen Zweiten Republik aufzuzeigen. Dabei veranschaulichen die beiden Verfasser_innen verschiedene Denkmuster und diskutieren die Vorstellung einer österreichischen „kolonialen Unschuld“, die auch in sozialdemokratischen und internationalistisch orientierten Milieus lange wirksam blieb. Insgesamt akzentuieren Burton und Föger den ambivalenten Umgang der Gewerkschaftspublikationen mit Kolonialismus, Rassismus und Entwicklungsvorstellungen, betonen aber gleichzeitig auch den vorhandenen kritischen Impetus: „Selbst innerhalb von Ausgaben konnten etwa exotisierende Reiseberichte die Aufforderung, kolonialistische Denkweisen zu durchbrechen, konterkarieren. Insofern reproduzierten die Gewerkschaftspublikationen problematische Bilder und Narrative. Sie boten aber auch eine Bühne für gegenhegemoniale Interventionen in einer Medienlandschaft, in der kolonialistische und rassistische Argumente den Status quo bildeten.
Ein Interview von Hanna Hacker mit dem ehemaligen österreichischen Außenminister und ersten österreichischen Botschafter in Senegal (1964) Peter Jankowitsch rundet mit Anekdoten und Reflexionen eines Zeitzeugen den Band ab. Solcherart eröffnet der Band neue Perspektiven auf (post)koloniale und globale Dimensionen der österreichischen Zeitgeschichte und eignet sich insbesondere für Studierende und Forschende sowie die entwicklungspolitische interessierte Öffentlichkeit.