Ambivalente Beziehungen
Technische Entwicklungszusammenarbeit zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Südkorea während des Kalten Krieges
- Buch
- Altenhofen, Max
- 2025, Iudicium. - 513 Seiten
Seit dem Ende des Koreakriegs hat sich Südkorea von einem Agrarstaat zum hoch technologisierten Industrieland entwickelt. Diese Entwicklung des „Tigerstaats“ wurde auch durch ausländische Investitionen und Entwicklungsprogramme begünstigt. Insbesondere die USA und später Japan übernahmen eine führende Rolle in der bilateralen Zusammenarbeit mit Südkorea, welche im Kontext des Kalten Kriegs von antikommunistischen Bestrebungen und Systemkonkurrenz geprägt war. An dritter Stelle der wichtigsten Partnerländer trat ab den 1960er-Jahren die Bundesrepublik Deutschland auf, die neben wirtschaftlichen Unterstützungsleistungen (vorrangig Direktkreditvergaben) vor allem auf Ebene der technischen Zusammenarbeit aktiv wurde. Die vorliegende Dissertation von Max Altenhofen, erschienen in der Tübinger Reihe für Koreastudien, bietet eine fundierte Analyse der technischen Zusammenarbeit zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Südkorea in den Jahren 1961 bis 1993. Dabei identifiziert Altenhofen vier Hauptbereiche technischer Zusammenarbeit: Mit ca. 40% erfolgten die meisten Ausgaben für technische Zusammenarbeit im Bildungsbereich, hauptsächlich im Feld dualer Berufsausbildung. Weitere zentrale Handlungsfelder betrafen die ländliche Entwicklung (etwa durch Kompetenztransfers, Beratungsleistungen oder Modellfarmen), Industrie und Infrastruktur (mit hoher privatwirtschaftlicher Beteiligung) sowie soziale Fragestellungen (etwa Gesundheitsversorgung oder die Arbeitsmigration von südkoreanischem Gesundheitspersonal in die BRD).
Altenhofens Dissertation zeichnet sich durch eine eindrückliche Darstellung des Wandels von einer asymmetrischen Entwicklungsbeziehung zur partnerschaftlichen Kooperation spätestens ab Ende der 1980er-Jahre aus, die mit Südkoreas Aufstieg zum Schwellen- und in weiterer Folge zum Industrieland einhergeht und sich auch in der globalen Architektur der Entwicklungszusammenarbeit widerspiegelt: 2010 trat Südkorea dem Development Assistance Commitee der OECD bei und wurde damit das erste Land, das sich von einem Rezipienten zum bedeutsamen „Geber“ entwickelte. Anschaulich und detailreich gelingt Altenhofen eine differenzierte Untersuchung der Wissens- und Praxistransfers zwischen den Ländern sowie die präzise Analyse der sich verändernden Machtverhältnisse zwischen „Geber-“ und „Empfängerland“. Dabei akzentuiert der Verfasser die Ambivalenz der Konstellationen, benennt die mitunter widersprüchlichen Interessen beteiligter Akteur_innen und lotet Spannungsverhältnisse mit transnationalen Prozessen aus. Auch paternalistische Konzeptionen und rassistische Manifestationen in der bundesdeutschen Entwicklungspolitik lässt der Koreanologe in seiner umfassenden Darstellung nicht beiseite. Insgesamt dient die Dissertation als wichtige Pionierarbeit zum Verständnis entwicklungspolitischer Dynamiken im deutsch-koreanischen Kontext für Studierende, Forschende und am Thema Interessierte.