Welches Europa brauchen wir?
Ein politisches Wunder und wie wir es vor seinen Feinden schützen
- Buch
- Knaus, Gerald u.a.
- Piper, 2025. - 447 Seiten
Wer in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts etwa in Deutschland oder Österreich geboren wurde, habe das historisch vergleichsweise seltene Glück gehabt, dank der europäischen Integration das gesamte bisherige Leben in Frieden, hoher Stabilität und Wohlstand verbracht zu haben. Auch in Mittel-, Ost- und Südeuropa profitierte die Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten massiv von den Erfolgen des europäischen Projekts. Doch wer oder was garantiert den Frieden in Europa – oder, dass wir auch in zehn Jahren noch in robusten Demokratien zur Urne schreiten können? Der Sozialwissenschaftler Gerald Knaus und seine Tochter Francesca Knaus (tätig im deutschen Bundestag) legen mit ihrem ersten gemeinsamen Buch daher ein eindringliches Plädoyer für das europäische Projekt vor. Sie verstehen sich als „privilegierte Erben einer seit 1950 praktizierten politischen Tradition“ des europäischen Geistes, welchen sie gegenwärtig stark unter Druck sehen. Für die notwendige Debatte über die Zukunft Europas brauche es freilich eine verständliche Vermittlung der Erfolge und Lehren der jüngeren Vergangenheit: „Es ist eine ernüchternde Erkenntnis: Nicht nur Europa steckt heute in der Krise, auch das Nachdenken und die Forschung über Europa und die europäische Integration tut es. (…) Findet hier kein Umdenken statt, werden in meiner Generation die Verteidiger eines Projekts fehlen, das immer mehr unter Druck gerät. Wer packende europäische Geschichten sucht, um etwas daran zu ändern, muss sich heute selbst auf die Suche machen.“ Diesen Anspruch löst das Autor_innen-Duo mit „Welches Europa brauchen wir?“ anschaulich ein: Auf Basis ihrer ausgewiesenen Expertise zu europäischer Innen-, Außen- und Menschenrechtspolitik zeigen sie in einem breiten Panorama, wie die Europäische Union und ihre Vorläuferorganisationen als „politisches Wunder“ seit 75 Jahren Frieden und Demokratie sichern. Dabei streichen sie Pionierleistungen des europäischen Projekts (etwa von Madeleine Albright, Jean Monnet oder Max Kohnstamm) hervor, rekonstruieren die Genese wegweisender Entscheidungen und diskutieren unterschiedliche Konjunkturen des Friedensprojekts. Ihr knapp 450 Seiten starker Band gerät dabei nie zum trockenen Geschichtsbuch, sondern wird durch persönliche Essays, Interviewpassagen und kurze Reportagen von unterschiedlichen Schauplätzen europäischer Integration lebendig. Die Reise führt die Autor_innen dabei vornehmlich in junge Mitgliedsländer der Europäischen Union und an die Peripherien des Kontinents, die zugleich nichts weniger als dessen Mittelpunkt sein können. Abwechslungsreich und faktenreich erzählen sie von Europas gewaltvoller Vergangenheit als Ausgangspunkt der Integrationsbestrebungen, erörtern das Theorieangebot hinsichtlich nachhaltigen wie demokratischen Friedens und formulieren Reformperspektiven für die Staatengemeinschaft. Ziel des Buches ist es, vor allem jungen Menschen die Bedeutung der Friedens- und Wertegemeinschaft Europäische Union aufzuzeigen. Verständlich und informativ wird das Zusammenwachsen Europas seit 1945 mit persönlichen Beobachtungen und Analysen verknüpft. Eine klare Sprache, erklärende Abbildungen und die Reflexion der Realitäten unterschiedlicher Generationen machen es insgesamt zugänglich für eine breite und vor allem junge Zielgruppe. Ein informatives und nachdrückliches Buch, warum die Europäische Union ein außergewöhnliches Projekt war, ist – und vor allem bleiben sollte.