Cover des Buches

Millar, Kathleen M.
Reclaiming the Discarded
Life and Labor on Rio's Garbage Dump
Durham: Duke University Press, 2018. - 236 S.
ISBN 9780822370505

ÖFSE-Signatur:

27296

 

 

 

 

Brasilien ; Slum ; Lebensbedingungen ; Marginalität ; Abfall ; Recycling ; Erfahrungsbericht

Die vorliegende ethnografische Arbeit widmet sich dem Stadtteil Jardim Gramacho in Rio de Janeiro, der bis zu deren Schließung 2012 eine der weltweit größten Mülldeponien der Welt beherbergte. In ihrer über einen mehrjährigen Zeitraum angelegten Feldstudie offenbart Kathleen M. Millar ungewohnte Perspektiven auf einen Ort, für den Außenstehende zumeist nur biblisch-apokalyptisches Vokabular („Hölle“, „Sodom“) übrig haben. Sie begleitet die zeitweise an die 2000 selbstständig erwerbstätigen Arbeiter_innen („catadores“) bei ihrer Arbeit auf der Müllhalde und erhält dabei Einblicke in ihre Motivation, Herausforderungen und Lebensrealitäten. Zwar verließen die meisten der catadores zwischenzeitlich für reguläre Beschäftigungsverhältnisse oder staatliche Sozialleistungen die Deponie, doch stets kehrten sie nach Jardim Gramacho zurück. Nicht zuletzt aufgrund dieses Phänomens schlägt Millar für die Analyse der Lebens- und Beschäftigungsverhältnisse eine Perspektive vor, die konventionelle Vorstellungen von Armut oder Arbeit unterläuft und Dichotomien von „formeller“ und „informeller“ Arbeit dekonstruiert. Die Anthropologin argumentiert, dass sich für das Verständnis des Mikrokosmos „Deponie“ eine Lesart, die auf Mängel, Prekarität und Armut fokussiert, deutlich weniger eigne, als vielmehr ein Zugang, der die Arbeit auf der Müllhalde als Ressource fasse und die Selbstermächtigung der catadores betont. Dennoch läuft ihre Studie nicht Gefahr, eine romantisierende Verklärung problematischer Zustände zu betreiben: Gefahren, Herausforderungen und Prozesse der Ausbeutung werden in „Reclaiming the Discarded“ ebenso sichtbar, wie Arbeitskämpfe und kollektive Organisation der Arbeiter_innen. Millar stellt im Wesentlichen jedoch Zusammenhänge heraus, die bislang kaum Beachtung fanden und interessiert sich für die Handlungsmächtigkeit der Akteur_innen. Solcherart zeigt sie auf, dass die Arbeit auf der Deponie weitaus mehr als bloße Überlebensstrategie ist, sondern besser als Lebensform verstanden werden kann, welche neben der ökonomischen Komponente etwa auch soziale Aspekte aufweist und untrennbar mit Konzeptionen eines guten Lebens verwoben ist.  Dominierende sozialwissenschaftliche Diskurse, die ihre Argumentation auf Defiziten und Schwächen aufbauen, kontrastiert Millar in dieser Publikation mit einer emanzipatorischen Konstellation von Materialität und Subjekt.

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