Cover des Buches

Zimmer, Thomas
Welt ohne Krankheit
Geschichte der internationalen Gesundheitspolitik 1940-1970 (Moderne Zeit ; 29)
Göttingen: Wallstein, 2017. - 438 S.
ISBN 9783835319196

ÖFSE-Signatur:

27854

Präventivmedizin ; Infektionskrankheit ; Internationale Kooperation ; Gesundheitspolitik ; WHO ; Geschichte

Der Historiker Thomas Zimmer befasst sich in „Welt ohne Krankheit“, eine überarbeitete Version seiner Dissertation, mit der internationalen Zusammenarbeit im Bereich der öffentlichen Gesundheit. Er erkennt in der Gründung der Weltgesundheitsorganisation WHO Ende der 1940er-Jahre „den sichtbarsten Ausdruck einer Neukonstituierung der internationalen Gesundheitspolitik nach dem Zweiten Weltkrieg“, deren ideelle Grundlagen auf Vorstellungen einer „kollektiven Weltgesundheit“ fußten. Dabei erreichte die internationale Kooperation in diesem Bereich beispiellose Dimensionen, zeigt Zimmer etwa anhand des von der WHO koordinierten Global Eradication of Malaria Program (MEP), das in den ersten Nachkriegsjahrzehnten eine globale Priorität der internationalen Gesundheitspolitik darstellte. Hierbei konzentriert sich der Autor insbesondere auf das Beispiel Indiens, dem mit Abstand umfangreichsten Teilprojekt des MEP, um das Zusammenspiel unterschiedlichster nationaler wie internationaler Akteur_innen sowie die ambivalenten Konsequenzen dieser Unternehmung zu analysieren. Anhand der Errichtung des globalen Malariabekämpfungprogramms, dessen raschen Fortschritten, Rückschlägen und des offiziell bekundeten Scheiterns Anfang der 1970er-Jahre zeigt Zimmer die Erweiterung des Tätigkeitsfelds „internationale Gesundheitspolitik“, Probleme struktureller, politischer (etwa ideologische Barrieren im Kalten Krieg) sowie praktischer Natur (Resistenzen), Zäsuren und Brüche auf. Stets wird dabei auch die spezifische Rolle der WHO im Untersuchungszeitraum 1940 – 1970 als konsensual anerkannte Autorität deutlich, wenngleich die Erwartungen und Interessen der Industriestaaten und des Globalen Südens an diese Instanz freilich häufig divergierten. In seinem abschließenden Fazit erkennt Zimmer, dass das politische Feld der „Weltgesundheit“ als Handlungszusammenhang zwar weiterhin eindeutig bestehe, jedoch eine neue Konstellation beteiligter Akteur_innen zu vermerken sei. Den Verlust einer hegemonialen Führungsposition der WHO seit den 1970er-Jahren erklärt der Historiker unter anderem durch die Etablierung neuer transnationaler Akteur_innen (etwa der Weltbank oder der Gates Foundation). Der vorliegende Band betreibt jedoch alles andere als klassische Institutionengeschichte, sondern gewährt Einblicke in umfassende, bis dahin präzedenzlose Unternehmungen „weltgesundheitspolitischen“ Engagements, das neue, globalisierte Gesundheitsverständnis, widersprüchliche Entwicklungen und erreichte Leistungen. Solcherart entsteht ein differenziertes Bild der Weltgesundheitspolitik in den Nachkriegsjahrzehnten, das nicht auf dichotome Urteile von Erfolg und Scheitern angewiesen ist. Abschließend ordnet der Autor in dem 2017 erschienenen Band auch jüngere Ereignisse und Entwicklungen ein, wobei er insbesondere den beschränkten Aufmerksamkeitshaushalt westlicher Öffentlichkeiten beklagt, deren Interesse an der Weltgesundheit sich vorrangig auf Krankheiten mit Bedrohungspotenzial für den Norden (etwa Pandemien) beziehe und dabei die gravierendsten Gesundheitsproblemen (z.B. Durchfallerkrankungen) außer Acht lasse. Vor allem aber plädiert Zimmer dafür, die internationale Gesundheitspolitik nicht am Stellenwert der jeweiligen Volkswirtschaft zu orientieren: „Ginge es zuvorderst darum, mittels der internationalen Zusammenarbeit eine nachhaltige Verbesserung der öffentlichen Gesundheitslage in Afrika und anderen Teilen der Welt zu erreichen, wäre es besser, die Gesundheitspolitik könnte sich stärker von dem wechselhaften westlichen Bedrohungsgefühl emanzipieren und ebenso davon, ob ihr Beitrag zum wirtschaftlichen Wachstum in den Entwicklungsländern gerade höher oder niedriger veranschlagt wird. Es bliebe ein Verständnis der grenzüberschreitenden Kooperation, in dessen Mittelpunkt das vergleichsweise konjunkturunabhängige Ziel der Linderung menschlichen Leids stünde.“

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