Cover des Buches

Tiang, Jeremy
Das Gewicht der Zeit
Salzburg: Residenz, 2020. - 304 S.
ISBN 9783701717286

ÖFSE-Signatur:

AS-TIA-01

Singapur ; Geschichte ; Malaysia ; Widerstand ; Frau ; Roman ; Kommunismus

Das dem Roman vorangestellte Zitat von Walter Benjamin stimmt programmatisch auf „Das Gewicht der Zeit“ ein: „Die Tradition der Unterdrückten belehrt uns darüber, dass der Ausnahmezustand, in dem wir leben, die Regel ist.“ Der in Singapur geborene und in den USA lebende Autor Jeremy Tiang siedelt seinen Debütroman in Malaysia bzw. Singapur an und berichtet von den Wirren der Unabhängigkeitskämpfe und dem Nachwirken kolonialer Gewalt über die Jahrzehnte. Der englischsprachige Originaltitel „State of Emergency“ referenziert dabei auf den von der malaiischen Regierung von 1948 bis 1960 verhängten Ausnahmezustand und die gewaltsame Niederschlagung von Aufständen der kommunistischen Unabhängigkeitsbewegung durch Truppen des Commonwealth. Aus sechs Perspektiven lässt Tiang seine Figuren Geschichten des Widerstands gegen Unterdrückung, individueller Aufopferung und der Kontinuität politischer Repression erzählen, wobei familiäre Konstellationen und geteilte Anliegen diesen abgeschlossenen Geschichten eine gemeinsame Klammer verleihen. Tiangs Roman folgt Guerilla-Kämpfer_innen ebenso wie deren Nachkommen oder Angehörigen und spannt den Bogen von den Verwerfungen der Nachkriegszeit in die unbefriedigende Stabilität der Gegenwart. Exemplarisch für die unterbliebene Aufarbeitung der antikommunistischen counter-insurgency und der gesellschaftlichen Marginalisierung des Unrechts begleitet Tiang eine britische Journalistin mit biografischen Wurzeln in Singapur bei ihrem Versuch, die Öffentlichkeit für das Batang Kali Massaker zu sensibilisieren und späte Wiedergutmachung von den politischen Entscheidungsträger_innen einzufordern. Dieser scheitert letztlich an juristischen Allgemeinplätzen und dem fehlenden politischen Willen: „Etwas Schweres legte sich auf sie, schmerzhaft wurde ihr bewusst, wie ungerecht die Welt war – und dass sie sich auf der Gewinnerseite befand. Was konnte sie tun? Sie betrachtete ihren Artikel, das undeutliche Foto von Mrs Wong. Weitermachen. Es würde nie gerecht zu gehen auf der Welt, vieles würde immer im Verborgenen bleiben, doch sie war immerhin in der Position, einem Teil der Wahrheit ans Licht zu verhelfen. Das musste genügen. Ein Schritt, dann der nächste.“ Man muss nicht zwanghaft nach möglichen biografischen Parallelen zwischen dieser Figur und ihrem Autor suchen, um zu erkennen, dass Tiangs Anliegen ein ganz Ähnliches ist: Mit „Das Gewicht der Zeit“ löst er den in Interviews formulierten Anspruch ein, Vergessenem mittels fiktionalisierter Erinnerungskultur gerecht zu werden und unangenehm-schmerzhafte Brüche in eine mitunter allzu teleologisch konstruierte Erfolgsgeschichte des jungen Tigerstaates Singapur einzuschreiben.

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