Cover des Buches

Andras, Joseph
Kanaky
München: Hanser, 2021. - 320 S.
ISBN 9783446269132

ÖFSE-Signatur:

AS-AND-01

Überseeterritorium ; Kolonialismus ; Frankreich ; Überseeisches Hoheitsgebiet ; Unabhängigkeitsbewegung ; Kanaken ; Identitätsentwicklung ; Aufstand ; Konflikt

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist die pazifische Inselgruppe Neukaledonien als Überseegebiet Teil des französischen Staates. Für die indigene Bevölkerung der Kanak bedeutet(e) die französische Kolonialherrschaft u.a. Versklavung und Zwangsumsiedlung, gesellschaftliche Exklusion und Unterdrückung bewiesen auch nach der formellen Entkolonisierung – im weiterhin von Frankreich abhängigen Überseeterritorium – Kontinuität. In den 1980er-Jahren erlangte die Unabhängigkeitsbewegung für einen souveränen Staat Kanaky neue Dynamik, der in einer Geiselnahme von 27 französischen Gendarmen auf dem Ouvéa-Atoll gipfelte. Was als Protest ohne Opfer geplant war, endet schließlich blutig. Am Ende der Intervention durch französische Spezialeinheiten stehen 19 getötete Separatisten und zwei getötete Einsatzkräfte. Joseph Andras nähert sich in „Kanaky“ dieser Geschichte der Unabhängigkeitsbewegung entlang eines charismatischen Aktivisten an: „Der Anführer der Geiselnahme hieß Kahnyapa Dianou. Mit Taufnamen Alphonse. Unter diesem wird er zumeist auch erwähnt, und mit diesem versuche ich mir den achtundzwanzigjährigen jungen Mann in all den Monaten vorzustellen, in denen ich Frankreich nach allen verfügbaren Informationen über ihn absuche – doch die sind spärlich. Auch wenn es an Berichten zur Erstürmung der Gendarmerie nicht mangelt, rutscht die Person außerhalb der ihr gewöhnlich – je nach Laune und oft auch Hautfarbe – zugeschriebenen Attribute »Terrorist« oder »Märtyrer« durch die groben Maschen der Erinnerung.

Andras adressiert diese Lücke und kontrastiert die offizielle Geschichtsschreibung des französischen Staates mit einer auf die kanakische Bevölkerung und ihren antikolonialen Widerstand konzentrierten Darstellung. Diese bezieht Archivquellen und Erinnerungen französischer Politiker_innen mit ein, vor allem aber gelingt Andras* Spurensuche dank zahlreicher Gespräche mit Wegbegleiter_innen und Angehörigen, Beteiligten der blutigen Geiselbefreiung und Bewohner_innen Neukaledoniens. „Der Journalist erforscht, der Historiker erklärt, der Aktivist erwirkt, der Dichter ergreift; bleibt dem Schriftsteller, seinen Weg zwischen diesen vier Brüdern zu suchen (…)“, stellt Andras seinem Roman eine Art Epigramm voran. „Kanaky“ findet eine solche Synthese: Mit hoher Präzision und differenzierter Sprache verhilft Andras einer Geschichte über ihren Status als historische Fußnote hinaus und skizziert Kontext und Konsequenzen der Ereignisse, während sein Text gleichzeitig Sympathie für den kanakischen Helden Alphonse Dianou und dessen Anliegen nicht verhehlt: „(…) keiner schreibt mit unbeteiligtem Herzen und ohne Gefühle, keiner ist Stadtschreiber außerhalb der Mauern, mit sauberen Händen und dem reinen Bewusstsein des Humanisten: Neutralität ist ein anderer Name für Kollaboration.“ Letztendlich ist „Kanaky“ daher vor allem dem Kampf gegen die koloniale Ordnung gewidmet – und jenen, die diesen austragen.

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