Cover des Buches

Abubakar Adam Ibrahim
Wo wir stolpern und wo wir fallen
Wien: Residenz, 2019. - 359 S.
ISBN 9783701717125

ÖFSE-Signatur:

AF-ABU-01

Nigeria ; Gesellschaft ; Roman

Bei der Lektüre von „Wo wir stolpern und wo wir fallen“ drängt sich der unausgesprochene Begriff der „Amour fou“ geradezu auf. Nun ist die Weltliteratur zwar voll von Liebenden, „wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten“, doch selten trifft diese Attestation derart zu wie bei Abubakar Adam Ibrahims Protagonist_innen-Paar: Hier die gottesfürchtige Witwe Binta in ihren Fünfzigern, dort der Drogendealer Reza, gerade einmal Mitte 20. Zwei Menschen, deren Begegnung in einer streng religiösen, patriarchalen Gesellschaft schlicht nicht vorgesehen ist – geschweige denn deren gegenseitige sexuelle Anziehung. Und so sind es konsequenterweise auch irreguläre Umstände, unter denen sich die beiden kennenlernen: „Hajiya Binta Zubairu wurde im Alter von fünfundfünzig Jahren endlich zum Leben erweckt, als ein Gauner mit dunklen Lippen und kurzem Stachelhaar, das wie ein Feld mit winzigen Ameisenhügeln aussah, über ihren Zaun kletterte und mitsamt seinen Stiefeln im Tümpel ihres Herzens landete.

Bereits dieser erste Satz deutet das emanzipatorische Potenzial der amourösen Bekanntschaft an, die selbst den beiden Beteiligten schwer erklärlich bleibt. Ihr ganzes Leben lang hat sich die Muslima Binta in einem engen Korridor gesellschaftlicher Erwartungen und religiöser Normen bewegt, sich Zwängen gebeugt und verlustbringende Schicksalsschläge eingesteckt. Als an einem heißen Vormittag plötzlich ein Kleinkrimineller in ihrem Haus steht und ihr das Messer an den Hals hält, ist in beiden ein seltsames, aufregendes Begehren geweckt. Es entspannt sich eine komplizierte, leidenschaftliche Beziehung im Geheimen, die das sozial vorgegebene Regelwerk zulässiger Partnerschaft fundamental unterläuft, sich gleichzeitig aber auch wiederholt an der Inkompatibilität der eigenen Lebensbedingungen den Kopf stößt. Und als wäre diese Gesamtkonstellation noch nicht verzwickt genug, haftet der Liebesbeziehung auch eine von beiden Seiten ausgehende ödipale Perspektive an.

Der Romanerstling des nigerianischen Journalisten (2015 im Originaltitel „Season of Crimson Blossoms“ erstveröffentlicht) erzählt mit viel Verve und in bildreicher Sprache von dieser ungewöhnlichen Beziehung im Nigeria des 21. Jahrhunderts. Dabei schildert Ibrahim nicht nur politisches Versagen, eklatante Korruption und ethnische Unruhen, sondern auch gesellschaftlichen Wandel, Generationenkonflikte und Strategien der Ermächtigung. Große Bildkraft gewinnt „Wo wir stolpern und wo wir fallen“ nicht zuletzt aus sprachlichen Einsprengseln der Hausa-Sprache und des Pidginenglish sowie lokalen Sprichwörtern, die nicht nur im Romantitel reflektiert werden, sondern auch jedes Kapitel einläuten: „Wenn Hyänen und Perlhühner herumstreifen, werden sie sich irgendwann begegnen.“

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