Cover des Buches

Rechtswende in Lateinamerika
politische Pendelbewegungen, sozio­ökonomische Umbrüche und kulturelle Imaginarien in Geschichte und Gegenwart
Patrick Eser et al. (Hrsg.)
Wien: Mandelbaum, 2020. - 295 S.
ISBN 9783854768876

ÖFSE-Signatur:

27815

Lateinamerika ; Politischer Wandel ; Rechtsorientierte Partei ; Rechte (politisches Spektrum) ; Geistesgeschichte/Ideengeschichte ; Sozioökonomischer Wandel ; Politische Kultur ; Politisch motivierte Gewaltanwendung ; Populismus

Nach einer Phase progressiver Linksregierungen scheine sich in den letzten Jahren eine Rechtswende in Lateinamerika vollzogen zu haben, leiten die Herausgeber_innen den vorliegenden Sammelband mit einer Diagnose ein, welche sie sogleich selbst zur Diskussion stellen: In Bezugnahme auf Massenproteste und die teilweise nur kurze Amtsdauer einiger Rechtsregierungen formulieren sie beispielsweise die Frage, ob der politische Rechtsruck tatsächlich von einer Bevölkerungsmehrheit getragen worden sei. Weiters verweisen sie exemplarisch auf die Kernaussage eines im Band vertretenen Beitrags, wonach für Chile eine Konstanz marktliberaler Politiken festzustellen sei, die sowohl scheinbar linke wie rechte Regierungen vertreten hätten. Entgegen dieser Einwände nehmen andere politische Beobachter_innen wiederum eine eindeutige Rechtsdrift wahr, die ihren drastischen Höhepunkt in der Wahl Jair Bolsonaros fand. „Rechtswende in Lateinamerika“ verfolgt insofern den Anspruch, interdisziplinäre Perspektiven auf das genannte Phänomen zu diskutieren und die Entwicklungen anhand verschiedener Aspekte einzuordnen. In einer einführenden Kontextualisierung der rezenten Dynamik streichen die Herausgeber_innen etwa die Bedeutung des Neoextraktivismus als staatliches Entwicklungsmodell mit Chancen als auch Risiken heraus und verweisen auf wechselseitige politische Interdependenzen von Lateinamerika und dem Globalen Norden. Hier nennen sie etwa einen globalen Trend rechtspopulistischer und autoritärer Politikentwürfe mit inhaltlichen Parallelen, für die nicht zuletzt der Trumpismus ein wesentlicher Impulsgeber und interkontinentaler Berater darstellt(e). Gleichzeitig wird in Ablehnung einiger Varianten der Dependenztheorie und des Antiimperialismus davor gewarnt, externe Faktoren allein in die Bewertung einfließen zu lassen und die Entwicklung der lateinamerikanischen Länder solcherart zu simplifizieren.

Die Beiträge des Bandes gliedern sich anschließend in vier thematisch geordnete Abschnitte, wobei der erste versucht, ein politisches Panorama der Gegenwart aufzuspannen. An dieser Stelle findet sich etwa eine komparative Auseinandersetzung mit dem Aufstieg einer modernisierten radikalen Rechten in Europa und möglichen Anknüpfungspunkten bezüglich der Situation in Lateinamerika. Dieter Boris formuliert mit dem anhand der Fallbeispiele Bolivien, Ecuador und Brasilien illustrierten Begriff der „Pendelbewegungen“, welcher in der lateinamerikanischen Geschichte gewisse Kontinuität aufweist, ein weiteres Angebot für das Verständnis der Rechtswende. Ausgehend von einem dem New Historicism entlehnten Verständnis, wonach Kultur auch als Produktionsverhältnis gefasst werden könne, entstammen zahlreiche der folgenden Beiträge kulturwissenschaftlichen Disziplinen. Gegenstand des Abschnitts „Kulturen, Erzählungen und Imaginarien der Rechten in Lateinamerika“ sind insofern unterschiedliche Diskurse, Narrative und Medien. Diskutiert wird hier etwa der Einfluss italo-faschistischer Ästhetik auf den argentinischen Perónismus oder die Reflexion und Darstellung der Rechten im Spiegel der argentinischen Literatur. Ein dritter Abschnitt verhandelt die aktuelle Rechtswende im Kontext von Gewalt und Gegenwehr, hier werden etwa das Verhältnis von Staat und Gewalt oder die Externalisierung des Gewaltmonopols ebenso thematisiert wie Massenproteste. Die drei letzten Beiträge finden sich unter dem Titel „Essays zur politischen Konjunktur“ subsumiert und wagen eine vorläufige Bilanzierung bzw. einen politischen Ausblick. Hier wird insbesondere auf die Verantwortung der Anfang der 2000er-Jahre euphorisch empfangenen Linksregierungen und auf deren Defizite eingegangen. Bemängelt wird etwa, dass es den vermeintlich progressiven Regimen nicht gelungen sei, nachhaltige Umverteilung zu bewerkstelligen. Kritisiert wird auch staatliche Repression im Zuge der politischen Durchsetzung des Neoextraktivismus oder die Tendenz zu Klientelismus und zur Bildung neuer Eliten. Des Weiteren plädieren mehrere Autor_innen dafür, sich bei der Bewertung der lateinamerikanischen von eurozentrischen Kategorien zu emanzipieren und insofern der Versuchung konventioneller Klassifizierungen von links und rechts zu widerstehen. Stattdessen streichen sie heraus, dass Krisenzeiten in Lateinamerika stets auch produktive Antworten hervorzubringen wüssten – genannt werden neue Partizipationsformen, Paradigmen (Gemeinwohl) und Utopien (Buen vivir).

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