Cover des Buches

Arguedas, José María
Der Fuchs von oben und der Fuchs von unten
Berlin: Wagenbach, 2019. - 315 S.
ISBN 9783803133168

ÖFSE-Signatur:

LA-ARG(b)-01

Peru ; Existenzialismus ; Modernisierung ; Indigene Bevölkerung ; Roman

Als in den 1960er-Jahren im Zuge des Boom Literarico eine junge Generation lateinamerikanischer Schriftsteller (allesamt Männer, etwa Mario Vargas Llosa oder Gabriel García Márquez) internationalen Zuspruch bei Kritik und Publikum fand, profitierte die Rezeption von José María Arguedas’ Werken nicht von dieser Hochphase – der Peruaner gehört zu den großen Vergessenen des Booms. Gleichzeitig hatte er auch selbst Schwierigkeiten mit dem selbstgefälligen Gehabe oder der artifiziellen Poetik seiner Vertreter_innen: „Nun gut, dann bleibt mir eben verdientermaßen der Einlass in diesen Palast bis auf Weiteres verwehrt.“ Womit wir mitten in Arguedas’ letztem veröffentlichten Werk „Der Fuchs von oben und der Fuchs von unten“ („El zorro de arriba y el zorro de abajo") wären. Immer dann, wenn die Arbeit an diesem unvollendeten, erst 1971 postum veröffentlichten Roman ins Stocken gerät und depressive Schübe dem Autor zusetzen, verfasst der Universitätsprofessor für Anthropologie Tagebucheinträge, die sich zunehmend mit der Frage auseinandersetzen, auf welche Art dem Leben wohl am besten ein Ende zu setzen sei: „Es streiten sich in einem – sinnlich wie poetisch – der Wunsch zu leben und der Wunsch zu sterben. Wer so beschaffen ist wie ich, sollte lieber sterben.

Höchst lebendig ist hingegen der prosaische Teil der „Füchse“, wie Arguedas sein Werk selbst in Korrespondenzen nennt: Der Autor entwirft ein polyphones Kaleidoskop der peruanischen Hafenstadt Chimbote während der Industrialisierung, einem Moloch aus Fischmehlfabriken, zwielichtigen Spelunken und Bordellen, in den Tausende indigene Arbeitsmigrant_innen aus dem Hochland strömen. Seine Lesart der Moderne ist dabei eine kulturpessimistische: Der Strukturwandel und die kapitalistische Inwertsetzung der Natur gehen einher mit Identitätskonflikten, moralischer Verkommenheit und dem Verlust kulturellen Reichtums. Der gesellschaftliche Zerfall äußert sich in Hedonismus, exzessivem Konsum, Prostitution und vulgärem Gossenslang. Möwen und streunende Hunde streiten indessen um die Abfälle des leergefischten Meeres.
Die beiden titelgebenden Füchse hat Arguedas aus dem „Huarochirí-Manuskript“ entlehnt, einem indigenen Text aus dem 16. Jahrhundert, den Argueadas 1966 erstmals aus dem Quechua ins Spanische übersetzte. Sie führen ein poetisches Zwiegespräch und sind antagonistisch konzipiert: Während der Fuchs von oben das indigene Hochland, die Sierra, und die andine Mythenwelt repräsentiert, spricht der Fuchs von unten der kolonialisierten Küstenregion und dem Fortschritt das Wort. In diesem Figurenpaar spiegeln sich somit nicht nur das epistemologische Prinzip der Vertikalität, sondern arbeiten sich auch an der Komplexität und Widersprüchlichkeit der peruanischen Gesellschaft ab. „Der Fuchs von oben und der Fuchs von unten“ zeugt von Arguedas Frustration, aber auch vom Kampf, die richtigen Worte finden zu wollen. Nicht umsonst wird der Autor häufig unter dem Schlagwort des magischen Realismus rezipiert, hält doch seine Sprache eine Vielzahl mythischer Parabeln und verspielter Sprachbilder bereit, die ihre Inspiration dem Huarochirí-Manuskript als Paratext verdanken mögen. Die „Füchse“ sind letztlich das Dokument eines existenziellen Abschieds des Autors – von seinem Leben (Suizid 1969), als auch von einer mythenreichen andinen Welt, die der neuen Moderne das Feld räumt.

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