Cover des Buches

Blühdorn, Ingolfur et al.
Nachhaltige Nicht-Nachhaltigkeit
warum die ökologische Transformation der Gesellschaft nicht stattfindet
Bielefeld: transcript, 2020. - 330 S.
ISBN 9783837645163

ÖFSE-Signatur:

27555

Nachhaltige Entwicklung ; Klimapolitik ; Wertewandel ; Konsumverhalten

Fünf vor zwölf sei es, wird die heikle Lage in Sachen Umwelt gerne auf den Punkt gebracht. Das Problem freilich ist, dass solche Warnungen schon seit Jahrzehnten formuliert werden, ohne letztlich substanzielle Änderungen bewirkt zu haben. Mit hoher Regelmäßigkeit werden grüne Wahlerfolge, Protestbewegungen oder neue Angebote nachhaltigen Konsums als lang ersehnter Startschuss des ökologischen Aufbruchs gefeiert, am hegemonialen Lebensentwurf der Weltgesellschaft vermögen sie letztlich nichts zu ändern. Vielmehr würden sie jenen eher stabilisieren denn auf einen Pfad der Nachhaltigkeit überführen, so die Autor_innen: Nachhaltig sei nur die Nicht-Nachhaltigkeit.

Eine Mitverantwortung an diesem Stillstand wird dabei auch der Wissenschaft attestiert. Man dürfe „sich vom Bedürfnis nach Hoffnung nicht Sand ins sozialwissenschaftliche Auge streuen lassen“, geht das Projektteam auf Distanz zum Mainstream der wissenschaftlichen Nachhaltigkeitsforschung und ihrem progressiv-emanzipatorischen Begriffsinventar. Gerade die Umweltsoziologie und Transformationsforschung hätten „selbst eifrig mitgezimmert (…) an einer Hegemonie der Wohlfühlnarrative“ und dabei mächtige Denkverbote produziert. Anspruch des vorliegenden Bandes ist es daher, maßgebliche Annahmen der Nachhaltigkeitsdebatte zu hinterfragen, die Beständigkeit der Nicht-Nachhaltigkeit zu ergründen und mögliche Perspektiven für die einschlägige Forschung aufzuzeigen: Zuvorderst sei es nicht Aufgabe der Wissenschaft, Hoffnung zu machen und Lösungen zu designen, sondern die hegemoniale Logik der Nicht-Nachhaltigkeit aufzuzeigen.

Wenngleich eine sozial-ökologische Transformation nun bislang nicht zu erkennen sei, so befinde sich die Welt doch in einem fundamentalen Wandel, der mit Schlagworten wie digitaler Moderne, autoritärer Demokratie und Klimawandel lediglich unzureichend skizziert werden kann. Technologischer Fortschritt, Erderwärmung und Rohstoffausbeutung greifen mit der Verschärfung sozialer und ökologischer Konflikte, einem gesellschaftlichen Kulturwandel und der Erosion des liberalen Demokratieprojekts ineinander. Komplexe und häufig widersprüchliche Dynamiken prägen diese Transformation und erweisen sich für konkrete Zukunftsprognosen als hinderlich. Fakt sei jedoch, dass die gegenwärtige Transformation keine sozial-ökologische sei und ein unbeirrtes Weitermachen vor allem für privilegierte Klassen des Globalen Nordens die attraktivste Handlungsoption darstellt. Die neun Beiträge dieses Sammelbandes beschäftigen sich insofern vor allem mit Akteur_innen des neuen Nachhaltigkeitsparadigmas: Sie skizzieren die strukturellen Barrieren des Staats, hinterfragen den Gestaltungswillen etablierter Parteien und problematisieren die allgegenwärtige Erzählung von der individuellen (Konsum-)Verantwortung. Solcherart gelingt es, die versprochenen Möglichkeiten und Grenzen sozialwissenschaftlicher Nachhaltigkeitsforschung aufzuzeigen und die normativen, selten hinterfragten Grundlagen wieder der gesellschaftlichen Debatte zuzuführen.

 

C3-Bibliothek für Entwicklungspolitik

Sensengasse 3
1090 Wien
+ 43 (0)1 317 40 10-200
bibliothek@centrum3.at

>> So kommen Sie zu uns

Öffnungszeiten

Mo-Di: 9.00-17.00 Uhr
Mi-Do:9.00-19.00 Uhr
Fr:9.00-14.00 Uhr

Vorwissenschaftliches Arbeiten im C3
> mehr Information