Cover des Buches

Madjlessi-Roudi, Sara
Ordnen und Regieren
Eine postkoloniale Diskursanalyse des Konzepts ›Zivilgesellschaft‹ in der deutschen Entwicklungspolitik (Edition DISS ; 48)
Münster: Unrast, 2022. - 476 S.
ISBN 9783897717770

ÖFSE-Signatur:

28173

Entwicklungspolitik ; Deutschland ; Zivilgesellschaft ; Postkolonialismus <Motiv> ; Kritische Diskursanalyse

Sara Madjlessi-Roudi analysiert in ihrer diskurstheoretisch angelegten Dissertation Konstruktionen von „Zivilgesellschaft“ und damit verbundene Implikationen in entwicklungspolitischen Diskursen. Konkreter Untersuchungsgegenstand ist dabei die staatliche Entwicklungszusammenarbeit der Bundesrepublik Deutschland in den Jahren 1998-2013 (v.a. mit Afrika), insofern stehen insbesondere entwicklungspolitische Diskurse im Vordergrund, in die das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) einwirkt. Auf theoretischer Basis der Kritischen Diskursanalyse, erweitert um postkoloniale Perspektiven, fasst die Autorin „Zivilgesellschaft“ als umkämpften Begriff, der gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen unterliegt und in den sich Machtverhältnisse einschreiben. So verweist die Autorin etwa auf koloniale Genese entwicklungspolitischer Diskurse und streicht neoliberale Kontinuitätslinien im Global Governance-Konzept heraus. Madjlessi-Roudi argumentiert, dass für das BMZ die Bezugnahme auf Zivilgesellschaft eine legitimierende Funktion erfüllt, um das jeweilige Handeln zu rechtfertigen und die Position der Institution zu erhalten. In ihrer Diskursanalyse arbeitet sie etwa heraus, wie – je nach Anforderung - unterschiedlich „Zivilgesellschaft“ konzipiert wird und welch enges sowie homogenisierendes Verständnis dieses Begriffs in den entwicklungspolitischen Diskursen des BMZ präsent ist. So „lässt sich argumentieren, dass Zivilgesellschaft durch die Zuweisung spezifischer, miteinander zu vereinbarender Positionen, Attribute und Handlungsweisen sowie durch Abgrenzung von anderen Akteuren als homogenes Subjekt konstruiert wird. (…) Diese homogenisierende Perspektive steht im Spannungsverhältnis mit dem Postulat des Pluralismus als zivilgesellschaftliches Merkmal und liberales Prinzip. Sie widerspricht beispielsweise hegemonietheoretischen Annahmen Gramscis, die Zivilgesellschaft als umkämpften Raum fassen.

Der gewählte methodische Zugang in seiner Kombination aus Kritischer Diskuranalyse und Postkolonialismus erlaubt es zudem, Kontinuitäten kolonialer Dichotomien und Epistemologien freizulegen, Postulate der „gleichberechtigten Augenhöhe“ zu dekonstruieren und asymmetrische Machtverhältnisse als solche zu benennen. So arbeitet die Autorin den problematischen Gebrauch des Begriffs der „Partnerschaft“ in entwicklungspolitischen Diskursen heraus, macht Prozesse des „Othering“ bzw. der (neo-)koloniale Differenzsetzung deutlich und diskutiert die universalistische, eurozentrische Perspektive auf Menschenrechte. Wesentlich ist dabei die Feststellung, dass die hierarchische Zuschreibung von Defiziten (etwa schwache Staatlichkeit, gesellschaftliche Gewalt, undemokratische Prozesse) eine zentrale Rolle erfüllt, um die Legitimität des entwicklungspolitischen Handelns zu erfüllen. Abschließend wird in „Ordnen und Regieren“ veranschaulicht, welche Konsequenzen aus dem entpolitisierenden und technokratischen Verständnis von „Zivilgesellschaft“ erwachsen: „Indem eine bestimmte Form der Zivilgesellschaft konstruiert und sich auf diese bezogen wird, wird die eigene Position gestärkt, Kritik abgewehrt und eigenes Handeln legitimiert. Ein tendenziell entpolitisierter und machtfreier Blick auf Zivilgesellschaft sowie auf das Verhältnis von Staat, Privatwirtschaft und Zivilgesellschaft als legitime und anzustrebende Akteure und Positionen bestärkt diesen Effekt. Dabei sichert die Anrufung der Zivilgesellschaft tendenziell auch ab, dass marktwirtschaftliche Paradigmen unhinterfragt und unangetastet bleiben, wenn Zivilgesellschaft in ihren Forderungen primär auf Fragen der Regierungsführung beschränkt bleibt und marktwirtschaftliche Fragen ausgeblendet oder implizit harmonisiert werden. Zivilgesellschaft wird als Akteur konstruiert, der zwar bestimmte Positionen kritisch begleitet, jedoch den durch die deutsche Entwicklungspolitik vertretenen Status quo nicht grundsätzlich herausfordert.

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