Cover des Buches

Behrend, Heike
Menschwerdung eines Affen
eine Autobiografie der ethnografischen Forschung
Berlin: Matthes & Seitz, 2020. - 278 S.
ISBN 9783957579553

ÖFSE-Signatur:

27825

Fremdbild ; Feldforschung ; Ethnologie ; Kulturkontakt ; Ethnologin ; Fremdheit ; Postkolonialismus ; Biografie

In ihrer Einleitung problematisiert Behrend das Genre des autobiografischen, ethnologischen Feldforschungsberichts, wie ihn etwa Claude Lévi-Strauss, Laura Bohannan oder Hortense Powdermaker verfasst haben. In ihnen treten Ethnograf_innen zumeist als heroische Wissenschaftler_innen in Erscheinung, die Forschungserfolge auf neuem Terrain feiern, so die Ethnologin und Afrikanistin. Ihre Forschungsautobiografie hingegen sei eine „Geschichte der eher unheroischen Verstrickungen und kulturellen Missverständnisse, der Konflikte und Fehlleistungen“. Ebenjene Erfahrungen seien insofern gewissermaßen „blinde Flecken“ der ethnografischen Disziplin, als sie in publizierten Monografien zumeist zugunsten der benötigten „Erfolgsgeschichte“ verschwiegen würden. Zur ethnografischen Praxis gehöre jedoch nun mal das Scheitern, das wehtue, jedoch die Suche nach alternativen Zugängen und Methoden fördere: „Die Produktivität, die auch im Scheitern liegen kann, wird selten anerkannt und der Reflexion unterzogen.“ Behrends „Menschwerdung eines Affen“ hingegen lebt die kritische Reflexion ihrer vier Forschungsaufenthalte in Kenia und Uganda, während derer sie sich etwa mit fotografischen Praktiken an der ostafrikanischen Küste oder der Figur des Kannibalen im Westen Ugandas beschäftigte. Die in „Menschwerdung eines Affen“ erzählten Erinnerungen fügen sich nicht konventionellen Narrativen der Ethnografie und schon gar nicht entsprechen sie den an publizierte Forschung oftmals gestellten Erwartungen einer Erfolgsgeschichte. Vielmehr eint sie zumeist ein Moment des Scheiterns, die Erfahrung der Zurückweisung und die Konstante einer wenig schmeichelhaften Namensgebung: „Affe“, „Hexe“ oder „Spionin“ sind nur einige der Namen, derer sich Behrend im Laufe ihrer Aufenthalte gewahr werden musste und die sie sich zu eigen machte. Anschließend an eine „kleine Tradition“ inverser Ethnografie interessiert sich die Wissenschaftlerin daher für die Umkehrung des kolonialen Blicks und wirkmächtiger Alterisierungspraktiken durch die Konfrontation mit irritierenden Fremdzuschreibungen. In Behrends Autobiografie wird sie selbst zum Objekt der Subjekte ihrer Forschung gemacht, eine außenstehende Forscherin wird mit fremden Kategorien in Besitz genommen und ihre europäisch geprägte Perspektive destabilisiert. Die Autorin erzählt jedoch nicht nur von Enttäuschungen, sondern auch von wechselseitiger Erkenntnis und Annäherung. „Menschwerdung eines Affen“ ist insofern eine angenehme Abwechslung zu vielen anderen Forschungsberichten, als der vorliegende Band nicht auf Glanzleistungen und bahnbrechende Ergebnisse abzielt, sondern eine Biografie bescheiden nacherzählt, die Agenda der „Beforschten“ in den Vordergrund rückt und neben unterhaltsamen Anekdoten nie den Blick auf strukturelle Zusammenhänge verliert. Solcherart handelt es sich hierbei auch um eine reflektierte (Selbst-)Kritik der ethnografischen Disziplin und insbesondere von Kategorien wie Differenz, „Urtümlichkeit“ und Objektivität.

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