Cover des Buches

Gawhary, Karim el-
Repression und Rebellion
Arabische Revolution - was nun?
Wien: Kremayr & Scheriau, 2020. - 224 S.
ISBN 9783218012324

ÖFSE-Signatur:

27775

Reportage ; Arabischer Frühling ; Ägypten ; Syrien ; Tunesien ; Libyen ; COVID-19 ; Islamischer Staat

Der für zahlreiche deutschsprachige Medien als Nahost-Korrespondent tätige Journalist Karim El-Gawhary unternimmt zehn Jahre nach Beginn des Arabischen Frühlings den Versuch einer Bestandsaufnahme. Ein spontanes Fazit müsse dabei ernüchternd ausfallen, wirtschaftliche und soziale Probleme seien nach wie vor völlig ungelöst und würden durch die Corona-Krise aktuell dramatisch verschärft, für Ruhe sorge lediglich ein repressiver Sicherheitsapparat. Dem bildlichen Vergleich, der Arabische Frühling sei direkt in einen harten Winter übergegangen, verweigert sich der Autor allerdings und hält nichts „vom Unsinn, die arabische Welt in Jahreszeiten oder mit Koran-Zitaten erklären zu wollen.“

Der Autor plädiert für eine differenzierte Sichtweise und präzise, kontextabhängige Analyse. Die arabische Welt sei keineswegs in einem tiefen Winter gefangen, sondern befinde sich einer Phase des Wandels. Diese verlaufe jedoch nicht linear, sondern in Wellen und mit Rückschlägen. El-Gawharys Worte wecken dabei Assoziationen zum Begriff des Interregnums in gramscianischer Theorie: „Es ist ein Prozess, in dem sich Repression und Rebellion abwechseln und gegenseitig bedingen, in dem das Alte nicht mehr nachhaltig ist, das Neue sich aber noch nicht oder nur sehr schwer durchsetzen kann.“ So sieht der Autor viele kurzfristige Erfolge der Protestbewegungen, die jedoch keine nachhaltige Änderung der politischen Kräfteverhältnisse herbeigeführt hätten, und schmerzhafte Rückschläge. Verdeutlichen kann El-Gawhary diese gegensätzlichen Entwicklungen anhand zweier nordafrikanischer Länder: Während sich in Tunesien ein vorsichtiger, aber stabiler Demokratisierungsprozess gehalten habe, werde Ägypten als abschreckendes Beispiel in die Geschichte eingehen: Die Machtübernahme durch das Militär, um die Gefahr eines islamistisch geprägten Staates unter Führung der Muslimbruderschaft abzuwenden, hätte eine politische Blockadesituation gezeitigt: In dieser könnten sich die Muslimbrüder als Märtyer inszenieren, aber auch liberale und progressive Kräfte sähen sich der Repression und Marginalisierung durch einen autokratischen Staat ausgesetzt.

Ein weiteres Kapitel zeichnet Aufstieg und Fall des Islamischen Staates nach. Der Abstieg des IS bedeute freilich nicht das Ende der Gewalt: Die Kombination von sozialer Ungleichheit und Unterdrückung stelle den idealen Nährboden für Radikalisierung und Terrorismus dar, die Saat für die nächste militante Organisation sei vermutlich längst (etwa in einem der IS-Gefangenenlager) aufgegangen. Dieses verhängnisvolle „Arabische Dreigespann“ aus Ungleichheit, Armut und Machtlosigkeit mache „Menschen zu stillschweigenden Besiegten, brutalen Terroristen oder verzweifelten Flüchtlingen“ oder aber lasse sie „voller Wut und Leidenschaft mutig auf die Barrikaden steigen.“ Den als „Arabellion 2.0“ akzentuierten Protestbewegungen der letzten Jahre (etwa in Algerien, im Sudan oder im Irak) widmet der Autor einen eigenen Abschnitt, arbeitet Unterschiede zu jenen des Arabischen Frühlings heraus und verweist auf die „Lessons Learned“ der neuen Protestgeneration. Dabei hält er unter anderem fest, dass die konfessionelle Identität vieler Menschen im arabischen Raum durch eine soziale abgelöst werde. Die Corona-Krise hätte zwar der Dynamik der Protestbewegungen vorläufig Einhalt geboten, doch mittelfristig stehen für den Autor weitere große Aufstände in der Region außer Zweifel.

„Repression und Rebellion“ ist abschließend ein präzises Porträt einer instabilen Region, die jedoch auch Lichtblicke aufweise. Gleichermaßen analytisch wie anekdotisch erzählt El-Gawhary von Konflikten, Kompromissen und Ungewissheiten. Die Realität sei vielleicht kompliziert, aber nicht solcherart, dass man sie nicht verstehen könne. Erfreut stellt der Autor fest, dass ihm in diesem Band mehr Zeit bleibe, als in den meist nur eineinhalbminütigen Live-Schaltungen der Nachrichtensendungen, diese Komplexität einem interessierten Publikum näher zu bringen.

C3-Bibliothek für Entwicklungspolitik

Sensengasse 3
1090 Wien
+ 43 (0)1 317 40 10-200
bibliothek@centrum3.at

>> So kommen Sie zu uns

Unsere Öffnungszeiten

Mo-Di: 9.00-17.00 Uhr
Mi-Do:9.00-19.00 Uhr
Fr:9.00-14.00 Uhr

Vorwissenschaftliches Arbeiten im C3
> mehr Information