Cover des Buches

Muraca, Barbara
Gut leben
Eine Gesellschaft jenseits des Wachstums
Berlin: Wagenbach, 2020. - 93 S.
ISBN 9783803127303

ÖFSE-Signatur:

27776

Lebensbedingungen ; Postwachstumsökonomie ; Buen vivir ; Konsumsoziologie ; Lebensqualität ; Grenzen des Wachstums

Gut leben könne der Mensch nur gemeinsam mit anderen, erteilt Barbara Muraca Fantasien von Einsiedelei, Selbstversorgung und Robinsonaden gleich mit dem ersten Satz eine Absage. Das Ideal eines guten, menschenwürdigen und erfüllenden Lebens lasse sich ohne eine Gesellschaft nicht zu Ende denken. Paradox scheint der Autorin, dass Diskussionen eines guten Lebens dennoch zumeist nur im Rahmen individueller Kapazitäten und Möglichkeiten geführt würden, eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Idee dagegen unterbleibe bzw. als paternalistischer Eingriff in die individuelle Handlungsfreiheit gewertet werde. Politische Rahmenbedingungen des guten Lebens für alle sollten daher möglichst breit definiert sein, konsensfähige Formulierungen adressieren etwa „Chancengleichheit für alle“ oder Freiheitsrechte. Damit einher gehe die Illusion, so Muraca, dass allen Mitgliedern der Gesellschaft eine grundsätzlich unbegrenzte Fülle an Handlungsoptionen und Lebensweisen offenstehe, aus denen sie ohne Zwänge wählen könnten. Wie diese Palette möglicher (und zulässiger) Optionen erzeugt und ausverhandelt wird, werde jedoch ausgeblendet und sei eben nicht Gegenstand demokratischer Entscheidungsprozesse: „So gestalten wir unseren individuellen Lebensstil letztendlich nur in der Rolle der Konsument(inn)en von Produkten und Dienstleistungen, aber nicht in der Rolle von Bürger(inne)n. Wir entscheiden nicht demokratisch, unter welchen Bedingungen etwas produziert wird, sondern versuchen direkt durch unser Kaufverhalten das Angebot an Produkten zu beeinflussen. Wir entscheiden nicht kollektiv darüber, wie Finanzmärkte funktionieren sollen, sondern können uns als Individuen allenfalls weniger riskante Spareinlagen und nachhaltigkeitsorientierte Fonds aussuchen. Wir bestimmen nicht die allgemeinen Bedingungen landwirtschaftlicher Produktion, sondern kaufen höchstens Bioprodukte.“

Voraussetzung für diese Form individueller Wahlfreiheit sei nun allgemeiner, materieller Wohlstand, für welchen man freilich zu einem entscheidenden Anteil auf demokratische Mitbestimmung und Ausgestaltung verzichte. Konstantes Wirtschaftswachstum sei die längste Zeit Inbegriff dieses Wohlstandsversprechens gewesen, werde jedoch zunehmend schwieriger zu verwirklichen und verursache gravierende Folgen. Muraca beschäftigt sich in dem vorliegenden, 2014 erstveröffentlichten Band daher mit unterschiedlichen Spielarten der Wachstumskritik und Projekten gesellschaftlicher Utopien. Eingangs zeichnet sie die Entwicklung der Postwachstumsbewegung nach und verortet erste Anfänge in den 1970er-Jahren, als es dem Club of Rome mit seinem Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ gelang, die Endlichkeit der Ressourcen zum politischen Thema zu machen. Anschließend widmet die Autorin unterschiedlichen Degrowth-Bewegungen Augenmerk und streicht etwa Unterschiede zwischen der französischen „Decroissance“ und dem deutschen „Postwachstum“ hervor. Thematisiert werden dabei auch Querverbindungen zu Umweltinitiativen und der im Post-Development-Diskurs (insbesondere aus dem Globalen Süden) geäußerten Kritik am kapitalistischen Entwicklungsparadigma. Stets plädiert Muraca dafür, Wachstumskritik in konkrete Taten und in Experimentierräume zu überführen und so die Machbarkeit des Utopischen zu illustrieren. Dabei differenziert sie jedoch und warnt vor Gefahren der euphorischen Dynamik: Es sei nicht ratsam, sich mit allen wachstumskritischen Akteur_innen zu verbünden, verweist die Philosophin auf feudalistische, restaurative bzw. anti-moderne und sogar öko-faschistoide Wendungen des Postwachstums-Gedankens. Auch sieht sie noch längst nicht alle grundsätzlichen Fragen der Transformation und der zu erreichenden Postwachstumsgesellschaft geklärt, etwa im Bereich der Erwerbs- und Care-Arbeit, und warnt vor Verabsolutierungen (bspw. „Alle Macht dem Lokalen“). Abschließend skizziert sie Grundpfeiler ihrer Utopie, die von Solidarität und Umverteilung bis Demokratie reichen.

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