Cover des Buches

Menschenrechte und ihre Kritiker
Ideologien, Argumente, Wirkungen (Menschenrechte im 20. Jahrhundert ; 3)
Annette Weinke et al. (Hrsg.)
Göttingen: Wallstein, 2019. - 207 S.
ISBN 9783835332874

ÖFSE-Signatur:

27603

Menschenrechte ; Kritik ; Geschichte ; Aufsatzsammlung

Nach dem Zweiten Weltkrieg hätten die Menschenrechte als normatives Leitkriterium einen Siegeszug angetreten, der in den 1990er-Jahren seinen Höhepunkt fand. Nie zuvor, so die Feststellung der Herausgeber_innen, schien die Welt einer umfassenden Verwirklichung der Menschenrechte so nahe, wie nach der Erosion der bipolaren Weltordnung und dem Ende des Kalten Kriegs. Diese Zuversicht sei seither einer wesentlich pessimistischeren Stimmung gewichen, die unterschiedlichste kritische und skeptische Positionen umfasse: Das Konzept der Menschenrechte befinde sich in einer fundamentalen Legitimationskrise, so der Befund. Für das Verständnis dieser aktuellen Kritik scheint es sinnvoll, historische Debatten der Menschenrechtskritik nachzuzeichnen und zu verorten. Der vorliegende Sammelband befasst sich daher mit unterschiedlichen Spielarten der Menschenrechtskritik, etwa mit dem Verhältnis von Sozialismus und Menschenrechten seit Marx oder den Auseinandersetzungen des südafrikanischen Apartheid-Regimes mit dem Konzept der Menschenrechte und insbesondere mit ihrer durch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (1948) postulierten Universalität. Mehrfach wird betont, dass das Narrativ einer universalen und multikulturellen Deklaration der Menschenrechte bereits zu Anbeginn angezweifelt wurde und sich seither durchgehend mit Kritik konfrontiert sieht.

Die Menschenrechte sind jedoch nicht gleichbedeutend mit der Deklaration von 1948, sondern können nur als fluides, auslegbares Konzept verstanden werden, das unterschiedliche Disziplinen, Konzeptionen und Praktiken hervorbringt. Insofern setzt Kritik am Konzept der Menschenrechte an verschiedenen Punkten an und fällt höchst heterogen aus. Als Extremposition wird die unverhohlene, ideologische Gegnerschaft gegenüber jedweder Idee der Menschenrechte identifiziert, etwa in Gestalt des Rassismus oder faschistischer Regime. Eine defensiver angelegte Gegnerschaft übe sich in Opposition zu den machtpolitischen bzw. kulturellen Hegemonialansprüchen der Menschenrechte und affirmiere – etwa aus kommunistisch-identitärer oder postkolonialer Perspektive – kulturelle Differenz. Als wohl prominenteste Vertreterin einer funktional argumentierenden Menschenrechtsskepsis wiederum gilt Hannah Arendt, deren Kritik am abstrakten Begriff des Menschseins in der Menschenrechtstheorie ansetzt und ein ultimatives „Recht auf Rechte“ einfordert (vgl. hierzu auch unserem Bestand folgenden Band: „Vom Recht, Rechte zu haben"). Jenseits dieser grundsätzlichen Skepsis machen die Autor_innen des Bandes noch eine breite Strömung funktionaler Kritik aus, die auf strukturelle Unzulänglichkeiten, Widersprüche und Defizite abzielt. Insgesamt plädieren sie für eine Auseinandersetzung mit kritischen Positionen, die deren Motivation und Zielsetzung als Leitkriterium fasst und sie auf einer breiten Skala zwischen grundsätzlicher Menschenrechtsfeindschaft und -skepsis darzustellen.

Deutlich wird in dem vorliegenden Band die Historizität von Menschenrechten und ihren Kritiker_innen, also die historischen Bedingungen und Limitationen ihrer Möglichkeit, Dynamiken und Gegenkräfte der Ausverhandlungsprozesse. Auch wenn ein einzelner Sammelband die Vielfalt der Kritik, ihrer Akteur_innen und Ideologien nicht vollständig abzubilden vermag, so leistet „Menschenrechte und ihre Kritiker“ durch die präzise Deklination zentraler Kategorien und die Diskussion wirkmächtiger Argumentationslinien einen Beitrag zum Verständnis von Menschenrechtskritik heute wie damals. So wird nicht nur das Terrain der Menschenrechtskritik als Forschungsfeld umrissen, sondern auch eine Perspektive aufgezeigt, die Widersprüche der Menschenrechtstheorie anerkennt, Kritik konstruktiv aufnimmt und diese nicht als Fundamentalopposition adressiert, sondern als elementaren Teil des Diskurses begreift.

C3-Bibliothek für Entwicklungspolitik

Sensengasse 3
1090 Wien
+ 43 (0)1 317 40 10-200
bibliothek@centrum3.at

>> So kommen Sie zu uns

Unsere Öffnungszeiten

Mo-Di: 9.00-17.00 Uhr
Mi-Do:9.00-19.00 Uhr
Fr:9.00-14.00 Uhr

Covid19: Aktueller Betrieb der C3-Bibliothek für Entwicklungspolitik

> mehr Information

Veranstaltung "Stadt für alle"

22. Oktober 2020 18.00
> mehr Infos
> Literaturliste

Vorwissenschaftliches Arbeiten im C3
> mehr Information